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Es lässt sich nicht mehr verheimlichen, was wir immer schon wussten oder zumindest hätten wissen können, ja wissen müssen: ANDERE (wer auch immer die anderen in diesem Fall sein mögen) zahlen einen hohen Preis für unser schönes Leben. Diese anderen werden nun immer sichtbarer – vor allem in Gestalt von Flüchtlingen. Es sind fremde, unheimliche Gestalten (vor allem die teils oder ganz verhüllten Frauen anderer Kultur und Religion), die unsere Insel der Seligen anlaufen. In der Hoffnung auf ein Mehr an Sicherheit und Freiheit. In der Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben. Die oft getroffene Unterscheidung von gerade noch geduldeten Kriegsflüchtlingen (wenn’s denn nicht zu viele werden) und gänzlich intolerablen Wirtschaftsflüchtlingen ist nicht nur zynisch – die von Kriegsgewalt Bedrohten haben Schutz verdient, die vom Verhungern bedrohten keinesfalls verräterisch – sie verrät auch das nur allzu offene Geheimnis: die Angst, zu kurz (sic!) zu kommen, selbst Hunger leiden zu müssen, ist uns zu nah, zu vertraut, zu unheimlich, um erträglich zu sein.

Es lässt sich nicht mehr verheimlichen, was wir immer schon wussten oder zumindest hätten wissen können, ja wissen müssen: WIR (wer auch immer wir in diesem Fall sein mögen) zahlen einen hohen Preis für unser schönes Leben. Das wird nun immer sichtbarer – vor allem in Gestalt von Armen und Armutsbedrohten (, die von PolitikerInnen, die sich um eine schöne, saubere Stadt sorgen, qua Bettelverbot aus unserem Blickfeld verdrängt, unsichtbar, ausgelöscht werden sollen), von jungen und erwachsenen Modernisierungs- und Bildungsverlierern, von abstiegsangstgetriebener und burnoutbedrohter Mittelschicht. Die soziopolitische Diagnose der Überzähligkeitsangst scheint wenigstens psychopolitisch aktueller denn je. Dagegen helfen auch noch begrüßenswerte und gut gemeinte Initiativen wie fair trade und political correctness nicht. Im Gegenteil: Den einen erscheint es wie Spott und Hohn (haben die keine anderen Probleme), den anderen gereicht es zur Beruhigungspille (solange ich fair trade kaufe, kann ich ohne schlechtes Gewissen genießen).

Flüchtlinge sind Menschen, ihren angestammten Platz, ihre Heimat verloren haben und verzweifelt nach einem neuen, besseren Ort, einer neuen Heimat suchen. Damit erweisen sie sich als unheimliche Doppelgänger der Angehörigen spätkapitalistisch-postmoderner Kulturen, die (ideologisch, religiös,...) heimatlos geworden sind und/oder vom Verlust ihres Arbeitsplatzes, ihres Platzes in der Familie oder ihrer gesellschaftlichen Position bedroht sind. WIR ANDERE haben mehr gemeinsam als uns lieb sein kann. Das ist unheimlich und beunruhigend. Sich diesem Unheimlichen, Beunruhigenden zu stellen,  ist eine unbequeme Herausforderung, die vermutlich keine schnellen und einfachen Lösungen erbringen wird. Dennoch gilt – wie in der Psychotherapie – dass die selbstaufklärerische, selbstsorgende Begegnung mit dem Unheimlichen nicht nur unheimlich schön sein kann sondern eine Voraussetzung für vernünftigere, menschenfreundlichere Lösungen darstellt. Denn unter Angst lässt sich nun mal schlecht denken.

Oh, wie unheimlich schön ist Gleichenberg!

In der Vorfreude auf rege Diskussionen und eine unheimlich schöne Psychotherapiewoche in Bad Gleichenberg!

Dave J. Karloff

Standort

Feldgasse 38
8330 Feldbach
Österreich