PRÄSENZ!

Präsenz ist der neue Luxus! Online-Video-Konferenz statt Dienstreise, Home-Office statt Büroarbeitsplatz, Distance-Learning statt Klassenzimmer oder Seminarraum, virtuelle Beratung statt Begegnung im Therapieraum – die neue, postpandemische Normalität (the new normal) erscheint smarter, unaufwändiger, billiger und ökologischer. Was will man mehr?! Wozu noch Präsenz? Nun: Die unvermeidlichen Nebenwirkungen dieser neuen Normalität sind erheblich. Nicht nur, dass bestimmte störungswertige Problemlagen unter Pandemiebedingungen besonders gut zu gedeihen scheinen, auch der Alltag verändert sich. Werden bislang übliche Gesten der Höflichkeit wie Händeschütteln oder vertraulicher Freude (wie Umarmungen oder das mancherorts übliche Begrüßungsküsschen) auch Teil der neuen Normalität sein?

Wenn Fußballteams oder Politiker:innen Präsenz zeigen, Künstler:innen über eine unglaubliche Bühnenpräsenz verfügen (und andere nicht) oder religiöse Praktiken auf der Realpräsenz Gottes in einer kleinen Oblate beharren, wird offenkundig, dass Präsenz mehr ist als körperliche Anwesenheit im Hier und Jetzt. Präsenz meint, dass unser Da-Sein als Person einen signifikanten, spürbaren Unterschied macht – für andere und uns selbst. Präsenz macht und hinterlässt Eindruck, beeindruckt und berührt (ob positiv oder negativ).

Die präsenzvergessene, neue Normalität ist jedoch gar nicht so neu, sondern nur die Fortschreibung einer Tendenz, die sich schon länger bemerkbar macht. Paradoxerweise geht es dabei um die Forderung nach allgegenwärtiger Präsenz (übrigens ein traditionell göttliches Attribut), befeuert und ermöglicht durch neue, unglaublich schnelle Technologien. Internetpräsenz, Präsenz auf sozialen Plattformen, mehreren Messengerdiensten,… sind Must-Haves geworden, um am sozialen Leben teilhaben zu können. Semper et ubique – immer und überall! Da wir aber nicht immer und überall dabei sein können, errichten wir entsprechende Pseudo-Präsenzen (digitale Anrufbeantworter, automatische Antwortmails, Quick-Answer-Possibilities wie „Gefällt mir“, Smileys,.…), deren Verwaltung unsere Zeit ganz schön in Anspruch nehmen kann. Wir sind immer erreichbar, doch was erreichen wir damit? Im schlechtesten Fall einen Zustand, in dem wir „überall und nirgends“ sind. Lost in space. Lost in time. Speed kills Präsenz!

Nun will wohl niemand freiwillig zurück ins Zeitalter der festnetzgebundenen Viertelanschlusstelefone. Wir sind jedoch aufgefordert, einen guten Umgang mit dieser Technologie zu entwickeln: Speed – Skills – Präsenz! (Wobei wir über Speed noch bei anderer Gelegenheit nachdenken sollten...) Es geht um Ethik und Politik, also um die Frage, wie ein gutes Leben aussehen und gelingen kann. Dabei sollten wir uns nicht täuschen. So smart, unkompliziert und billig die postpandemischen Möglichkeiten auch sein mögen, Präsenz ist kein Luxus. Präsenz gehört zur Grundausstattung unseres Lebens. Präsenz ist eine Grundanforderung für Begegnung, berührende Erlebnisse, für ein einander oder etwas begreifen, dafür, Spuren zu hinterlassen, die einen Unterschied machen. Ohne ausreichende Präsenz unserer wichtigsten Bezugspersonen können wir nicht überleben, uns nicht entwickeln, geschweige denn, ein Leben führen, das diesen Namen verdient.

Dieser Hunger nach Präsenz hat sich unmittelbar gezeigt als die Pandemiebeschränkungen gelockert wurden: Ansammlungen von überwiegend jungen Menschen in Stadtparks, der Andrang in den Shoppingmeilen und Berggasthäusern – und hoffentlich auch in Bad Gleichenberg! Sie sind herzlich willkommen! Denn ob Sie da sind oder nicht, macht einen Unterschied – für andere und für Sie/Dich selbst!

Ich freue ich mich auf Ihre/Deine Präsenz in Bad Gleichenberg!

Im Namen des Programmkomitees, Ihr/Eurer

Dave J. Karloff

Veranstalter/Mitveranstalter/Kooperationspartner


PSYGRAZ STLP Uni for Life Med-Uni Graz