Frei.Spiel

Die Babyelefantenpandemie

COVID-19 ist gefährlich. Das Virus gefährdet unsere Sicherheit und unsere Freiheit. So ist uns in den Monaten der Pandemie so manche Sicherheit abhandengekommen. Noch vor wenigen Monaten hätten wir es für grotesk, wenn nicht für verrückt gehalten, den physisch einzuhaltenden Abstand zum/zur Nächsten in imaginären Babyelefanten zu messen. In der Zwischenzeit wurden wir sozusagen babyelefantilisiert: COVID-19 hat uns alle in potentielle Virenüberträger verwandelt, die sich und andere durch einen babyelefantengroßen Sanitärpuffer vor der mitunter tödlichen Gefahr schützen müssen. Überall, überall Babyelefanten, Babyelefanten ...

Wie unter einem Brennglas wurden und werden durch COVID-19 soziale Veränderungen, Ängste und Paradoxien scharfgestellt. Um Sicherheit in unsicheren Zeiten zu gewährleisten, rückte man ehedem in der Not wie selbstverständlich zusammen. In den letzten Monaten dagegen musste jede:r auf sich allein gestellt oder von unvermeidlichen oder gewählten anderen in der Wohngemeinschaft umgeben in den eigenen vier Wänden darauf hoffen, der Pandemie - ausgerüstet mit Klopapier, Hefe, Mund-Nasen- Schutz und stabilem Internet - ein Schnippchen zu schlagen. So kann auch ein vermeidender Bindungsstil durchaus von Nutzen sein.

Besuchsverbote in Krankenhäusern und Pflegeheimen, abgesagte Hochzeiten, Geburtagsfeste und Trauerfeiern - Solidarität und Anteilnahme bedeuteten plötzlich nicht mehr, gemeinsam durch dunkle Zeiten zu gehen, sondern Abstand voneinander zu nehmen. Kein Handschlag, keine Umarmungen und schon gar keine Küsschen zur Begrüßung - ersetzt durch Ferngrußverbeugung, Ellbogencheck oder Online-Kommunikation. Eine Wohltat für Sozialphobiker:innen ...

Eine Pandemie hätte vor noch nicht allzu langer Zeit zweifellos einen Ansturm auf die Gotteshäuser evoziert, um den jeweils anzubetenden Gott gnädig zu stimmen und den Allmächtigen gemeinsam um Verschonung vor der Plage zu bitten. Lass diesen Kelch an uns vorüber gehen... 2020 schlossen nicht nur die Gotteshäuser diskussionslos und noch vor jeglicher Anordnung staatlicher Gewalt ihre Pforten, sogar die theologisch wichtigste Feierlichkeit des Christentums, das Osterfest, fiel für das einfache Volk aus. COVID-19 hat Gott dahingerafft. Ganz so, als ob es noch einen Beweises dafür bedurft hätte, wie säkular unsere Gesellschaft tatsächlich geworden ist. Dem Babyelefanten ist auf Anhieb geglückt, was kein heidnischer Osterhase oder atheistischer Philosoph jemals geschafft hat.

COVID-19 ist gefährlich. Es hätte weniger Mut gebraucht, dieses Psychotherapieseminar - zum ersten Mal in seiner Geschichte - abzusagen. Das pandemische Geschehen und seine Folgen haben uns als Organisationsteam sozusagen mitten im Sprung erwischt und - nach Absage des Gleichenberger Frühjahrsseminars - in einen Quarantänezustand des Nicht-Wissens versetzt, geprägt von Schleifen des Zuwartens, Beratens, Abwägens, Drängens, Zögerns, Planens, Hoffens, Verwerfens und neuerlichen Wartens.

Erst Ende Mai wurde seitens der Bundesregierung verlautbart, mit welchen Spielregeln Veranstaltungen unserer Art und Größenordnung im Herbst zu rechnen haben. Auf dieser durchaus unsicheren Grundlage haben wir uns nach intensiver Diskussion, Austausch mit anderen Veranstaltern und Rücksprache mit den Gleichenberger Tourismus- und Gemeindeverantwortlichen dazu entschlossen, das 51. Integrative Seminar für Psychotherapie von 18.-23.10.2020 in Bad Gleichenberg durchzuführen! Uns ist bewusst, dass wir im Herbst mit Hygienevorschriften und Abstandsregeln zu rechnen haben, die MÖGLICHERWEISE Teilnahmebegrenzungen bei Plenumsveranstaltungen zur Folge haben könnten. Den Abschlussabend werden wir aufgrund der Raumsituation vor Ort jedenfalls als Open-Air-Abschlusskonzert gestalten, bei dem uns die Jazzbanditen ein ultimatives Frei.Spiel am Hauptplatz ermöglichen werden.

Es wird ein etwas anderes Gleichenberger Seminar werden. Vermutlich eines der spannendsten Gleichenberger Psychotherapieseminare überhaupt - durchdrungen und getragen von der Frage, woran wir uns in unsicheren Zeiten orientieren, wie wir Sicherheit und Freiheit ausbalancieren, wie wir Nicht- Wissen aushalten können, wie wir uns von Angst und Zwang immer wieder freispielen und wie es uns gelingt, uns von unserer durch das Virus offen gelegten Verletzlichkeit und Sterblichkeit nicht verrückt machen zu lassen.

Ich freue mich auf ein gemeinsames Frei.Spiel in Bad Gleichenberg.

Dave J. Karloff